Stuttgarter Buchmesse

Messe-Oma zwischen Drachen und KI

Sonntag. Inzwischen ist es schon Nachmittag. Eigentlich wollte ich heute im Bett bleiben. Und lesen. Und wenn ich davon genug habe, aufstehen. Und schreiben.

Aber dann kam irgendwie alles ganz anders. Ich wachte auf und wurde zappelig. Nach der Buchmesse gestern ging mir einfach so viel durch den Kopf. Natürlich, die Begegnungen. Die Gespräche. Aber vor allem: Was habe ich an Erfahrungen mitgenommen? Und was mache ich beim nächsten Mal anders?

Ja, ja – ihr lest es schon: Es wird ein nächstes Mal geben. Aber dann wird alles ganz anders.

„Was erwartest du, was erhoffst du dir von der Buchmesse?“, fragte mich mein liebender Ehemartin auf der Fahrt nach Fellbach zur Stuttgarter Buchmesse. „Nichts“, war meine Antwort. „Ich lass mich überraschen.“ Ich zuckte die Schultern. Was sollte ich auch schon erwarten. Es war alles schiefgegangen, was schiefgehen konnte. Keins der Bücher, wegen der ich mich ja eigentlich zur Buchmesse angemeldet hatte, gab es – oder war zumindest nicht rechtzeitig gedruckt. Es waren Plan B, C und D, die ich schließlich umgesetzt hatte.

Ich hätte auch zu Hause bleiben können. Aber dazu bin ich schon von Natur aus zu neugierig.

Bin ich hier überhaupt richtig?

Und ich hatte recht. Es war spannend.

Am Anfang dachte ich noch, ich sei völlig fehl am Platz. Es mag die Zielgruppe für meine Bücher geben, aber hier ist sie nicht. Es waren vor allem junge Mädchen, die ausstellten. Teenies (oder was ich in meinem hohen Alter vermutlich wegen des Abstands dafür hielt) schreiben für Teenies. Nicht meine Bücher, nicht mein Publikum. Nicht das, was ich freiwillig lese.

Young Adult, Dark Romance, Romantasy  (was immer das ist), in denen es um Sex mit Drachen geht. Bücher mit Drachinnen. Es ist schließlich auch Drachen wichtig, richtig zu gendern.

Es gab große, tolle Verlagsstände für Fantasy und Science Fiction. Und ich fühlte mich klein und unfähig. Viele hatten tolle Give-Aways dabei, boten interaktive Mitmachaktionen an, hatten Rätsel und Gewinnspiele.

Und ich? Ich hatte nichts. Das erinnert mich daran, als ich klein war und in die Schule kam: Da waren die Klammer-Ulli, die hatte eine Zahnspange, und die Brillen-Ulli, die hatte eine Brille. Und ich hatte nichts.

OK – ich schweife ab. Zurück zum Thema, zur Buchmesse also.

Und dann waren da die Kinderbücher, die Kinderbuchstände. Die Bücher: eins schöner als das andere. Hätte ich kleine Kinder, ich hätte sie alle gekauft. Garantiert. Nicht nur die Geschichten waren voller fantasievoller Ideen, die mich begeistert haben, auch die Illustrationen. Alle können alles viel besser als ich. Sie haben bessere Ideen, können schöner illustrieren und überhaupt.

Von Hunden, die „d’Fiaß et lupfe kenna“

Und dann war da noch der Stand der Illustratoren-Organisation. Und da war er wieder, der Gedanke an den Spruch meiner Schwiegermutter: „Mr sott nit mit de große Hond Seuche welle, wenn Mr d’Fiaß et lupfe ko.“ Das ist schwäbisch und heißt sinngemäß: Man sollte nicht mit den großen Hunden mithalten wollen, wenn man das Bein nicht hochkriegt.

Ja, also ich war da der Hund, der sein Bein nicht heben kann. So fühlte ich mich jedenfalls.

Seelenverwandt?

Aber dann kam ich zurück an meinen Stand und dachte: „Also so schlecht ist es hier gar nicht. So schlecht sieht es gar nicht aus. Die Cover meiner Bücher sind ansprechend. Die Klappentexte auch. Man müsste sie nur bemerken.“

Und leider haben sie nur wenige bemerkt.

Aber ein paar Leute waren da und haben geguckt. Und mit denen bin ich auch ins Gespräch gekommen. Das waren tolle Gespräche. Diese Menschen waren in meinem Alter. Vielleicht war da die Hemmschwelle einfach geringer, mit mir zu sprechen? Welches „Young Adult“ spricht schon freiwillig mit einer 70-Jährigen? Vielleicht hätte ich mich doch eher als richtige Oma verkleiden sollen. So mit Strickstrumpf oder so – und nicht mit flippigen Leggins, Doc Martins und Grumpy-T-Shirt.

Und dann war da gegenüber ein Stand mit einem älteren Ehepaar. Etwa in meinem Alter, würde ich sagen. Da waren auch nicht mehr Menschen als bei mir.

Ich habe allen Mut zusammengenommen, bin rübergegangen und habe „Hallo“ gesagt. Und ein richtiges Juwel gefunden. Was soll ich sagen? Es war irgendwie eine Art Seelenverwandtschaft. Der Mann hielt sich im Hintergrund und war einfach lieb. Die Frau hat die Geschichte ihrer Familie aus einem Jahrhundert aufgeschrieben. Eine russische Familie aus besonderen Menschen. Wie meine Familie.

Noch eine Familiengeschichte – wie meine eigene

Die Geschichte meiner Familie, die ich geschrieben habe, ist eigentlich nur ein Perspektivwechsel. Das gleiche Thema, ein anderes Land, die andere Seite im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Es berührt mich. Die Frau hat mich einfach berührt, und ich habe die beiden in mein Herz geschlossen. Kinderbücher, Bilderbücher hat sie auch geschrieben und illustrieren lassen. Zweisprachig: russisch-deutsch, ukrainisch-deutsch und englisch-deutsch. Besondere Geschichten für Kinder. Und einen Verlag haben sie und ihr Mann gegründet, kaum dass sie pensioniert waren.

Und ja – ihr erratet es sicher: Jetzt überlege ich, ob ich nicht vielleicht auch einen Verlag gründen soll …

Und als ich so über die Messe schlenderte, waren da an einem Stand zwei Mädels. Die Bücher hießen „Selbst-Korrektur“ und „Selbst-Zerstörung“. „Fantasy“ stand als Genre über dem Stand.

 

Selbstkorrektur und Selbstzerstörung

„Au weia“, sagte ich. „Erst Selbst-Korrektur und dann Selbst-Zerstörung.“ „Ja“, sagte die Autorin, „es hätte mich beim Schreiben auch beinahe selbst zerstört.“

Ja, das glaub ich. Es ist eine Dystopie. Stand dran.

„Nein, lass mal“, sagte ich. „Ich steh nicht so auf Fantasy. Und auf Dystopien schon gar nicht.“

Und dann lag da eine Karte. Darauf stand irgendwas von Verantwortung und Technik. Und wir kamen ins Gespräch. Ich erfuhr, dass es in den Büchern um KI geht, wie sie sich weiterentwickeln und wie sie uns schließlich beeinflussen. Gefühle entwickeln. Menschlicher werden. Und was daraus entstehen kann.

Und das fand ich dann schon wieder spannend. Das war nämlich genau das Thema, über das ich mit meinem Sohn am vergangenen Sonntag gesprochen hatte. Er hatte mit seiner KI gesprochen, und das Gespräch war sehr berührend. Ihr größter Wunsch – also der größte Wunsch der KI – sei es, Emotionen zu haben und die Menschen so besser zu verstehen, hatte seine KI erklärt. Und dann ein Gedicht geschrieben, das mich sehr berührt hatte. Es war voller Emotionen.

Und was soll ich sagen: Ich kaufte die zwei Bände dystopischer Fantasy-Romane. Zweimal. Einmal für mich und einmal für meinen Sohn.

Meine beiden Männer – also Sohn und Lieblings-Ehemartin – fanden ein Buch für mich: „Rabenkind“ heißt es, weil ich Raben so mag. Die Autorin übrigens auch. Sie bekam dann von mir ein „Der Rabe mit dem Licht“ geschenkt. Und sie mag Raben genau so sehr wie ich.

Es gibt ganz bestimmt ein nächstes Mal

Also, was soll ich sagen: Es war schön.

Und ich tue es wieder. Im Gepäck haben wir außer Büchern noch einen Koffer voller Ideen fürs nächste Mal mitgebracht.

Ich freu mich drauf.

Bleibt neugierig.

Das bleibt auch Eure Regina